Die Herkunft des Cavalier King Charles Spaniels

Leicht ist es nicht, in der verwickelten Geschichte des Cavalier-King-Charles-Spaniel Dichtung, Legende, Wunsch und Wahrheit auseinander zu halten, ja es ist oft unmöglich.
Wo und wann in Europa der kleine Toy-Spaniel entstanden ist, ob er sich von Anfang an eigenständig neben dem großen Jagdspaniel entwickelt hat, oder ob Züchter in Spanien, Italien, Frankreich oder Holland irgendwann anfingen, die Spaniel gezielt klein zu züchten, kann niemand mehr sagen.
Es gibt mehrere voneinander abweichende Theorien, die sich nur in einem Punkt einig sind:
Der Toy-Spaniel ist nicht erst im 17. Jahrhundert im England Charles II. entstanden, sondern lange vorher auf dem Kontinent.
Irgendwann tauchten die kleinen Spaniels dort auf, bzw., begannen sie Lieblinge der Herrschenden zu werden und damit "öffentlich"

In England ist er bereits 1554 zum ersten Mal dokumentiert: Mary I., Tochter von Heinrich VIII., ließ sich mit ihrem Ehemann, Phillip von Spaniel und zwei kleinen Spaniels malen.
Anne von Cleve, kurzfristig zveite Frau Heinrichs VIII., soll solche Hunde mit nach London gebracht haben. Und von dem kleinen schwarz-weißen Hund, der sich bei er Hinrichtung Maria Stuarts 1587 unter ihren Röcken versteckt hatte, wird gesagt, dass sie ihn aus Frankreich mitgebracht haben soll.
Egal in welchem Land, an welchem Königshof: Cavalier-King-Charles-Spaniel im heutigen Sinne waren das alle noch nicht.

Spaniels waren/sind gute Jagdhunde, mit hervorragender Nase, Begeisterung für Wasser und die Arbeit mit ihrem Menschen.
Toy-Spaniels machten sich mit einer völlig anderen Dienstleistung bei ihren Menschen unentbehrlich: als lebende Wärmflasche!
Dr. Johannes Caius hat in seinem berühmten Buch über Britanniens Hunde sehr genau beschrieben:

Es ist noch eine andere Rasse hochgezüchteter Hunde unter uns, eine kleine Rasse und nur gesucht als Luxusspielzeug für Frauen. Je kleiner sie sind, desto willkommener sind sie für den Zweck, auf dem Busen, im Schlafzimmer oder auf deren Händen auf der Ausfahrt getragen zu werden. Sie haben keinen Nutzen, nur das sie auf dem Magen getragen oder auf der Brust eines Kranken hin- und herbewegt, wegen des Unterschieds der Temeratur, gut für die Verdauung sind.

Wie sie aussahen, kann nur vermutet werden, denn jeder Lord oder Duke züchtete, falls das überhaupt bewusst geschah, nach seinem eigenen Geschmack. Beschreibungen von Zeitgenossen sprechen zu Beginn des 17. Jahrhunderts von kleinen Hunden mit Spaniel-Charakteristika, dem Aussehen nach aber Mischlingen. Schaut man sich jedoch die Bilder an, die van Dyck ab 1632 als königlicher Hofmaler von der Familie Charles I. malte, erkannt man dort perfekte kleine Spaniels.

Charles I. (1600 - 1649) und noch mehr sein Sohn Charles II. (1630 - 1685) waren geradezu vernarrt in diese Hunde. Charles I. soll nach dem Tagebuch eines Augenzeugen vor seiner Hinrichtung Sorge getragen haben, das sein Liebling "Rogue" in Sicherheit gebracht wurde. Ein anderer Augenzeuge dagegen berichtet, dass "Rogue" auch nicht von der Seite seines Herrn wich, als dieser durch den Park von Whitehall zum Blutgericht geführt wurde. Einer der Soldaten soll sich den Hund geschnappt haben und noch am selben Abend gegen Geld ausgestellt haben. Was dann weiter mit "Rogue" geschah, ist nicht bekannt.

Charles II., der 1660 aus dem Exil zurückkehrte, wurde so gut wie nie ohne seine Hunde gesehen. Er nahm sie überall hin mit, auch zu Staatsbesuchen, ins Parlament oder in die Kirche, was zu dem Gerücht führte, dass er seinen Hund sogar per Gesetz Zutritt zu allen Räumen des Landes sicherte.
Charles II. züchtete selbst mit seinen Lieblingshunden und hatte in und um London mehrer Außenstellen. Von jedem Wurf suchte er sich Tiere aus, die er persönlich behielt, viele wurden als königliches Zeichen der Wertschätzung verschenkt, andere verkauft. Es gab wohl kein Schloss in England ohne diese Spaniel von King Charles. Und so wurden sie von nun an auch genannt: King-Charles-Spaniel, oder einfach "Charlies".

Mit dem Tod von Charles II. kamen "Charlies" in London schlagartig aus der Mode. William und Mary, die neuen Herrscher, bevorzugten Möpse.

Dem Modetrend folgend, begannen Züchter den Toy-Spaniel mit dem Japan-Chin oder, was viel wahrscheinlicher ist, mit dem Mops zu kreuzen. Das Ergebnis war ein neuer Hund mit puppigem Rundkopf und extrem kurzer Mops-Nase - der heutige King-Charles-Spaniel.
Zu Beginn des letzten Jahrhunderts wurde gar nichts anderes mehr gezüchtet. Den alten "Charlie" gab es nicht mehr, ja, er war so vollständig verschwunden, dass sogar der Name "Charlie" auf einen anderen Hund überging - und niemand störte sich daran.

Ausgerechnet einem reichen Amerikaner ist es zu verdanken, dass dieser so englische kleine Spaniel gerettet wurde.
Mr. Eldridge überquerte 1926 den Atlantik, um in England mindestens einen dieser zauberhaften kleinen Spaniels zu erwerben, die er von so vielen Gemälden kannte. Aber er fand keinen. Den Hund gab es nicht mehr. Und den neuen mopsgesichtigen King-Charles-Spaniel fand Mr. Eldridge so entsetzlich, dass er auf die Dauer von fünf Jahren auf der jährlichen Cruft's Dog Show einen Preis con 25 englische Pfund (was damals erheblich mehr Geld war als heute) für den besten Rüden und die beste Hündin einen Spaniels vom guten alten Typ aussetzte.
Diese Prämie war ein Denkanstoß an die Züchter, der wirkte. Eine Handvoll Züchter schloß sich zusammen, mit dem Ziel, den alten Typ des Toy-Spaniels wiederzubeleben. Es war keine leichte Aufgabe und erforderte viel Engagement von den Beteiligten.
Da so gut wie keine langnasigen Toy-Spaniels mehr fielen, kauften sie alle King-Charles-Spaniels auf, die wegen ihrer nicht ganz korrekten Nase in der Zucht unerwünscht waren. Es wird angenommen, dass sie hängeohrige Variante des kontinentalen Zwerspaniels, der Phalène, eingekreuzt wurde, um die gewünschte lange Nase und den flachen Kopf schneller zurückzubringen. Verraten haben die Züchter ihr "Rezept" nie. Doch es spricht fast mehr für eine Rückkreuzung mit kleinen Cockern, da der Phalène in England kaum bekannt war, und der moderne Cavalier deutlich größer und schwerer ist, als der King-Charles-Spaniel.

Der alte Name King-Charles-Spaniel sollte für den alten, neuen Hund erhalten bleiben. So nannte sie ihn 1928 bei der Clubgründung "Cavalier-King-Charles-Spaniel". Anerkannt als eigene Rasse wurde der Cavalier aber erst 1945 vom Englischen Kennel Club.
1946 wurden ganze 10 Cavalier-King-Charles-Spaniel beim Englischen Kennel Club eingetragen.
1947 waren es schon 181. Von da an stieg die Zahl langsam, aber stetig an. Auch in Deutschland müssen sich ziemlich schnell Freunde für diesen Toy-Spaniel gefunden haben, denn als der Verband Deutscher Kleinhundezüchter 1955 die Zuchtbücher vom VDH übernahm, waren bereits Cavaliere eingetragen. Zum Modehund wurde der kleine Hund bisher zu seinem Glück nicht.


Text auszugsweise aus: Partner Hund (Ausgabe 02/1995)
 
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